Frauen und finanzielle Kompetenz: Wie der Gender-Gap geschlossen werden kann

Finanzielle Kompetenz ist wichtig, um finanziell unabhängig werden zu können – doch leider fehlt es vielen Frauen genau daran. Wir erklären, warum das so ist und wie man das verändern kann.

Lesezeit: 10 Min.

In den letzten Jahrzehnten wurden auf dem Weg zu einer echten Gleichstellung der Frauen enorme Fortschritte erzielt. Aber trotzdem bleibt noch viel zu tun. Frauen verdienen in Europa 12,7 % weniger als Männer. Sie leiden häufiger unter Diskriminierung am Arbeitsplatz und arbeiten oft in Branchen, in denen ihre Arbeit unterbezahlt ist. Im Durchschnitt sind sie bei Finanzfragen außerdem weniger gut informiert als Männer. 

Finanzkompetenz gilt im Allgemeinen als wichtiger Schlüssel zur Erreichung der Geschlechterparität. Denn je mehr Frauen über Finanzen (von der Haushaltsplanung bis hin zu Investitionen) wissen, desto eher sind sie in der Lage, bei Geldfragen fundierte Entscheidungen zu treffen. Allerdings zeigen die Daten, dass Frauen weltweit über weniger Finanzkompetenz verfügen als Männer. Es gibt also ein Finanzwissen-Gendergap. Es handelt sich hierbei nicht um ein individuelles, sondern um ein strukturelles Problem, das in Geschichte, Politik und Kultur verwurzelt ist. 

Aber die Situation verändert sich mittlerweile und man kann eine deutliche Dynamik in Richtung eines Ausgleichs beobachten. Wir gehen hier dem Grund für die Kluft zwischen den Geschlechtern bei der Finanzkompetenz auf den Grund, was sie verursacht und wie wir sie gemeinsam bekämpfen können. 

Den Gender-Gap bei der Finanzkompetenz verstehen

Was ist Finanzkompetenz? 

Unter Finanzkompetenz versteht man die Fähigkeit, verschiedene finanzielle Fertigkeiten zu verstehen und effektiv im eigenen Leben anzuwenden. Dazu gehören persönliche Finanzen, Haushaltsführung, Sparanlagen und Investitionen. 

Zur Finanzkompetenz kann auch das einfache Verständnis gehören, wie man ein Haushaltsbudget führt. Aber sie geht weit darüber hinaus: Schuldenmanagement, das Aufnehmen von Darlehen, Ruhestandsplanung, Investitionen und das Verständnis komplexerer Finanzkonzepte wie des Zinseszins. 

Wieso ist Finanzkompetenz so wichtig? 

Für unser finanzielles Wohlergehen müssen wir in der Lage sein, uns zu informieren, gute von schlechten Ratschlägen zu unterscheiden und unser Geld selbst verwalten zu können. Wenn du dich mit Finanzfragen gut auskennst, hast du mehr Möglichkeiten, Vermögen aufzubauen und langfristig erfolgreich zu sein. Menschen, die mehr über Finanzen wissen, sparen in der Regel mehr für den Ruhestand, sind wohlhabender und in der Lage, kompetent zu investieren. Sie treffen auch seltener riskante finanzielle Entscheidungen oder werden Opfer von Finanzbetrug. 

Frauen mit einer schwachen Finanzkompetenz können öfter Schwierigkeiten haben, ihr Geld gut zu verwalten, Finanzprodukte zu nutzen, um ihr Vermögen aufzubauen, einen Notfallfonds aufzubauen oder sogar ein kleines Unternehmen zu gründen. All das stellt ein Hindernis für die finanzielle Unabhängigkeit dar, die Frauen dabei hilft, unerwartete Ereignisse zu überstehen, sich sicherer zu fühlen und nicht auf die Unterstützung eines Partners oder der Eltern angewiesen zu sein. 

Der Gender-Gap bei der Finanzkompetenz: Was uns die Zahlen sagen

Überall auf der Welt schneiden Frauen bei Tests zu finanziellem Wissen schlechter ab als Männer. Laut einer OECD-Studie aus dem Jahr 2020 erzielen im Durchschnitt Männer bei 100 Gesamtpunkten 4 Punkte mehr als Frauen. Allerdings liegt in manchen Ländern der Unterschied bei über 10 Punkten. Insgesamt wurden 16 Länder untersucht, und in keinem einzigen schnitten die Frauen besser ab als die Männer. 

Eine Umfrage des TIAA Institute of Financial Literacy (Institut für Finanzkompetenz) bei Frauen in den USA im Jahr 2022 hat ergeben, dass Frauen nur 45 % der Fragen zu persönlichen Finanzen richtig beantworten konnten, bei Männern fiel das Ergebnis mit durchschnittlich 55 % deutlich besser aus. Und in Europa sieht es ganz ähnlich aus: Eine Studie der Allianz aus dem Jahr 2023, die in sieben europäischen Ländern durchgeführt wurde, hat ergeben, dass Frauen im Durchschnitt 3,7 und Männer 4,5 von 9 Fragen richtig beantworten konnten. 

Außerdem deutet die Studie der Allianz darauf hin, dass ein gewisses Maß der Finanzkompetenz davon abhängt, wer im Haushalt die finanziellen Entscheidungen trifft. Laut der Untersuchung ist die Finanzkompetenz von Frauen in den Ländern höher, in denen sie mehr finanzielle Entscheidungen treffen.

Die Kluft im Hinblick auf die Finanzkompetenz hat außerdem Auswirkungen auf Sparvorhaben, Budgetierung und Investitionen. Laut N26 investieren Frauen 29 % weniger als Männer. Dabei ist für 45 % der investierenden und 54 % der nicht investierenden Frauen das Fehlen finanzieller Mittel das größte Hindernis. Auch hier scheint die Bildung eine Rolle zu spielen: Weniger als die Hälfte (48 %) der investierenden Frauen halten sich bei Fragen von Geldanlagen für sachkundig, bei den Männern sind es hingegen 59 %. 

Woher kommt der Gender-Gap bei der Finanzkompetenz? 

Im Großen und Ganzen ist das Level der Finanzkompetenz bei Frauen und Männern unterschiedlich. Aber um politische Maßnahmen und Strategien zur Reduzierung dieser Kluft zu entwickeln, müssen wir verstehen, wieso sie existiert. Entdecke hier fünf Gründe für dieses Problem.

Zugang und Bildung 

Wenn man die Situation mit etwas Abstand betrachtet, wird deutlich, dass die Finanzkompetenz Teil der allgemeinen Frage ist, welche Privilegien Frauen und Männern in der Gesellschaft gewährt werden. Frauen konnten in Deutschland erst im Jahr 1958 ein Bankkonto eröffnen, in Frankreich im Jahr 1965, und in Spanien erst 1975. Außerdem wurden sie oft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen, im Bildungssystem diskriminiert und mussten zu Hause bleiben, um sich um die Familie zu kümmern. 

Auch wenn sich diese Situation mittlerweile geändert hat, verrät uns die Geschichte viel darüber, warum Frauen eine geringere Finanzkompetenz haben als Männer. Es hat für die Gesellschaft im Allgemeinen weitreichende Folgen, wenn Generation um Generation die Männer mit der Verwaltung des Geldes betraut sind, während die Frauen außen vor bleiben. 

Und die Situation ändert sich nicht so schnell, wie sie es sollte. Laut dem European Consumer Payments Report aus dem Jahr 2021 haben 26 % der Frauen das Gefühl, zum Treffen von Entscheidungen keine ausreichende finanzielle Bildung erhalten zu haben, bei den Männern sind es nur 19 %. Viele Eltern bringen sogar ihren Jungen mehr über Geld bei als ihren Mädchen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2017 bekommen Mädchen von ihren Eltern überraschenderweise 20 % weniger Taschengeld als Jungen. Das hat negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl junger Frauen und auf ihren späteren Umgang mit Geld. 

Vermögensunterschiede zwischen Frauen und Männern

Wer mehr Finanzkompetenz hat, ist auch wohlhabender. Aber weder Wohlstand noch Finanzkompetenz existieren in einem Vakuum. Denn zumindest teilweise werden sie von der ungleichen Verteilung des Wohlstands bestimmt. 

In Europa verdienen Frauen im Durchschnitt fast 13 % weniger als Männer – und auch die Vermögensunterschiede zwischen Frauen und Männern sind erheblich. Laut einer Studie von Credit Suisse aus dem Jahr 2019 häufen Frauen im Laufe des Lebens durchschnittlich 100.000 € weniger Vermögen an als Männer. Obwohl Frauen weniger verdienen, haben sie im Durchschnitt eine höhere Lebenserwartung als Männer. In Anbetracht des geschlechtsspezifischen Lohngefälles und weil Frauen häufiger aus dem Berufsleben ausscheiden, um Kinder aufzuziehen, ist ihr Risiko aber viel größer, finanzielle Probleme zu bekommen und mit unzureichenden Ersparnissen in den Ruhestand zu gehen.

Darüber hinaus sind Frauen weniger stark in Führungspositionen vertreten, vor allem im Finanzsektor. Das ist für LGBTQ-Personen und Frauen aus Minderheiten sogar noch stärker der Fall. Die mangelnde Erfahrung mit in Führungspositionen üblichen Finanzangelegenheiten kann ebenfalls zu einer geringeren Finanzkompetenz bei Frauen beitragen.

Mangel an Selbstvertrauen

Studien haben immer wieder gezeigt, dass es Frauen beim Thema Finanzkompetenz an Selbstvertrauen fehlt. Und das sogar, wenn sie viel darüber wissen. Eine Studie des Global Financial Literacy Excellence Center aus dem Jahr 2021 hat ergeben, dass Frauen bei Fragen zur Finanzkompetenz überproportional oft mit „Weiß ich nicht“ antworten.

Wenn in der Auswahl diese Option entfernt wurde, haben sie aber interessanterweise oft die korrekte Antwort gewählt. Worauf lässt das schließen? Eine Studie des Global Financial Literacy Excellence Center aus dem Jahr 2021 beschreibt, dass der Großteil der Kluft im Finanzbereich auf mangelndes Selbstvertrauen und nicht auf mangelndes Wissen zurückzuführen ist.   

Das ist keine große Überraschung: Frauen werden sozialisiert, ihr Wissen zu minimieren. Und weil der Finanzbereich im Allgemeinen ohnehin als ein von Männern dominierter Bereich angesehen wird, können sich Frauen im Hinblick auf ihre Fähigkeiten unsicher fühlen. Der Mangel an Selbstvertrauen hat für Frauen messbare Auswirkungen auf das Verhalten im Finanzbereich, das Einkommen und das Vermögen. Zum Beispiel fordern Frauen seltener als Männer eine Gehaltserhöhung oder kämpfen weniger oft für die ihnen zustehenden Gehälter.

Überholte Geschlechternormen

58 % der verheirateten Frauen in heterosexuellen Beziehungen neigen dazu, Entscheidungen über die Finanzplanung ihren männlichen Partnern zu überlassen – ganz egal, ob sie der Hauptverdiener sind oder nicht. Somit leuchtet es ein, dass sich Männer mehr Finanzkompetenz aneignen, wenn sie sich sowohl zu Hause als auch außerhalb auf finanzielle Entscheidungen spezialisieren. 

Überholte Geschlechternormen verursachen durch die Kluft in Bezug auf Betreuungsarbeit noch ein weiteres Problem für die Finanzkompetenz. Die aktuelle Datenlage zeigt, dass berufstätige Frauen einen größeren Anteil ihres Lebens mit Betreuungsaufgaben verbringen. Dieses Phänomen ist als sogenannte Mutterschaftsstrafe bekannt. 

Je mehr Zeit Frauen für die Betreuung von Kindern oder alternden Eltern aufwenden, desto weniger Zeit haben sie für die Generierung von Einkommen und das Aneignen finanzieller Kenntnisse. Das führt dazu, dass sie bei der finanziellen Sicherheit stärker von ihrem Partner abhängig sind. Das alles hat schwerwiegende Folgen: Frauen haben ein 80 % höheres Risiko, von Altersarmut betroffen zu sein.

Gefährliche Stereotypen 

Oft wird Frauen das Gefühl gegeben, nicht das nötige Wissen zu haben, um ihre Finanzen selbst zu verwalten. Kulturelle Stereotypen wie Gold Digger, Shopaholic und natürlich der neue und verwirrende Trend Girl Math wirken sich kumulativ auf das Selbstwertgefühl von Frauen aus. All das lässt sie glauben, dass sie dazu verdammt sind, schlecht mit Geld umzugehen. Außerdem schafft das für Frauen eine Struktur der Rechtfertigung, in der sie sich finanziell nicht zurechtfinden, weil sie es einfach nicht anders können. 

Dafür gibt es auch wissenschaftliche Belege. Eine Studie aus dem Jahr 2021 zeigt, dass die „Gefahr der Stereotype“ seit langem Auswirkungen auf Unterschiede zwischen Ethnien und Geschlechtern bei akademischen Leistungen hat. Laut Studie haben Mädchen in einem Test schlechter als die Kontrollgruppe abgeschnitten, wenn sie vorab Informationen über geschlechtsspezifische Leistungen erhielten. 

Wenn die giftigen Mythen aufrechterhalten werden, dass Frauen schlecht in Mathe sind, nur des Geldes wegen heiraten oder ihren Shopping-Drang nicht kontrollieren können, werden sie weiterhin psychologisch und sozial zurückgehalten, finanziell erfolgreich zu sein. 

Ein Wegweiser für die Unterstützung von Frauen, mehr Finanzkompetenz zu erlangen

Wie du gesehen hast, sind die Ursachen für den Gender-Gap bei der Finanzkompetenz komplex. Es gibt keinen direkten Weg, um diese Kluft sofort zu schließen. Aber es gibt Dinge, die wir individuell und kollektiv tun können, um Verbesserungen zu bewirken. 

Was ist das Wichtigste, was du persönlich tun kannst? Schließe die Lücken in deinem Finanzwissen und stelle sicher, dass deine Finanzen auf Kurs sind. Stelle sicher, dass du ein solides Budget und einen Notfallfonds hast. Und tu alles, was du kannst, um für den Ruhestand zu sparen. Bilde dich weiter, indem du an Webinaren und Treffen teilnimmst und finde andere Finanzressourcen, die das Empowering von Frauen zum Ziel haben. 

Eine weitere wichtige Option zur Verbesserung der eigenen Finanzkompetenz ist es, offener über Geld zu sprechen. Wenn du dich davor scheust, über deine Finanzen zu sprechen, fällst du leichter in ungesunde Verhaltensmuster. Außerdem kann ein Gespräch mit Gleichaltrigen über deine Finanzen Ungerechtigkeiten aufdecken und dir so das Selbstvertrauen geben, deine finanzielle Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Vielleicht möchtest du eine Gehaltserhöhung, willst etwas über Investitionen lernen oder auf ein anderes finanzielles Ziel hinarbeiten. 

Mit der Verbesserung der Bildung von Frauen aller Altersgruppen können wir die Finanzkompetenz gemeinsam fördern. Vor allem Eltern und Lehrer sollten das Interesse der Mädchen an Finanzen stärken. So können sie mit Selbstvertrauen handeln, wenn es um Geld geht. 

Wenn die Lohn- und Vermögensgefälle zwischen den Geschlechtern niedrig sind, ist die Finanzkompetenz von Frauen entsprechend höher, wie uns eine Studie aus Thailand gezeigt hat. Das sind keine Probleme, die wir alleine anpacken können. Aber wir können uns Gehör verschaffen und uns für Maßnahmen wie gleichen Lohn für gleiche Arbeit, bezahlten Elternurlaub, erschwingliche Kinderbetreuung und bessere finanzielle Bildung für alle einsetzen. 

Und lass dir von niemandem das Gefühl geben, dass du in Bezug auf deine Finanzen machtlos bist. Wir verdienen eine Welt, die uns allen eine gleiche Chance auf finanziellen Erfolg gibt. Und darauf können wir gemeinsam hinarbeiten. 


Lerne mehr über Frauen im Zusammenhang mit Finanzen

Willst du mehr über Geschlechtergerechtigkeit und Finanzen erfahren? In unserem Blog findest du viele Artikel, die weiterbilden, befähigen und inspirieren. Lies unsere Interviews mit Finanzexperten wie Nazila Jafari, Patrizia Laeri und Finanzfreundinnen und entdecke Artikel über finanzielle Freiheit oder Investitionen für Frauen. Du kannst dich unter anderem auch darüber informieren, wie viel du für deine Rente sparen solltest oder über Tipps für Gehaltsverhandlungen

Beiträge, die dem folgenden Thema entsprechen

Von N26

Love your bank

Ähnliche Artikel

Entdecke ähnliche Artikel aus unserem Blog, die dich vielleicht interessieren könnten

Sag Tschüss zu alten Rollenbildern und Hallo zu gemeinsamem Banking

In den meisten Beziehungen regeln nach wie vor Männer die Finanzen. Dabei gibt es heute zahlreiche Tools, die gemeinsames Banking zum Kinderspiel machen.

Zusammen oder getrennt? Wie moderne Paare ihre Finanzen verwalten

Ob polyamourös oder monogam, mit Kindern oder ohne: Geld spielt in jeder Beziehung eine Rolle. Doch wie es gehandhabt wird, kann ganz unterschiedlich sein.

Gemeinschaftskonto oder Shared Spaces? Ein Vergleich

Du willst den nächsten Schritt wagen und eure Finanzen gemeinsam verwalten? Wie dir N26 dabei helfen kann, erfährst du hier.