Miriam Wohlfahrt & Valentin Stalf.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Ein Doppelplädoyer für eine neue Gründerzeit

Deutschland steckt irgendwo zwischen dem zweiten und dritten Lockdown fest. Genau jetzt wäre die Gelegenheit, mutig zu sein und etwas Neues zu wagen. Ein Doppelplädoyer für eine neue Gründerzeit.

Lesezeit: 3 Min.

Von Miriam Wohlfahrt & Valentin Stalf

Ist das gerade eine ganz schlechte Zeit, um etwas Neues zu starten? Wir finden: im Gegenteil! Insbesondere diese Krise ist eine große Chance für Gründer. Wir sprechen da aus Erfahrung. Unsere Unternehmen haben wir mitten in der Finanz- und der Coronakrise gegründet. 

 

Hier sind acht Gründe, warum es vielleicht keine bessere Gründerzeit gab als genau jetzt:

 

1. Gesellschaft und Kundennachfrage verändern sich

Als Ratepay vor rund zehn Jahren in der Finanzkrise gegründet wurde, sind viele der großen Plattformen entstanden oder groß geworden, zum Beispiel Uber, Airbnb oder der App-Store. Auch die Coronakrise wirkt als Katalysator und zeigt, in welchen Bereichen der Wirtschaft es hapert, welche Geschäftsmodelle ausgedient haben und welche nicht. Auch Politiker sind wach, hungrig, gesprächsbereit.

 

2. Etablierte Berufe verlieren an Attraktivität

Anfang der 2000er Jahre arbeitete Miriam bei einer Bank, die während der Finanzkrise Bankrott ging. Der Beruf des Bankers hat damals an Attraktivität verloren, gleichzeitig wurde klar, wo die Reise der Finanzbranche hingeht: ins Internet. Deswegen heuerte sie als nächstes beim Online-Zahlungsdienstleister Ogone an, auch wenn das Unternehmen kaum bekannt war. Mit diesen Erfahrungen gründete sie später Ratepay. Wäre alles einfach so weitergegangen wie vorher, würde Miriam wahrscheinlich jetzt irgendwo gelangweilt an einem Mahagonischreibtisch sitzen und ihren vergoldeten Füllfederhalter auf- und zuschrauben.

 

3. Bestehende Märkte brauchen mehr Anbieter 

In Krisen entstehen nicht nur neue Geschäftsmodelle, sondern bestehende Märkte diversifizieren sich. Man nehme die Essenslieferdienste, die seit Beginn der Coronakrise traumhafte Zuwächse verzeichnen. In Deutschland gibt es aber nur wenige Anbieter, die den Markt unter sich aufteilen. Da ist noch viel Platz für weitere Akteure.

 

4. Etablierte Firmen stecken ihr Geld in Altlasten

Momentan lässt sich mit weniger Geld mehr erreichen. Große Firmen oder Banken mögen enorme Budgets haben, aber je größer ein Konzern ist, desto mehr Geld muss er in die Krisenbewältigung investieren. Und auch wenn viele Banken bei der Digitalisierung großen Aufholbedarf haben, sind ihre Budgets dafür verhältnismäßig klein. Davon fließt noch mal ein erheblicher Teil in die Beseitigung technischer Altlasten. Dieses Erbe schleppt ein junges Unternehmen nicht mit sich herum.

 

5. Viel Investorenkapital bei wenig Anlagemöglichkeiten

Einerseits befinden wir uns durch Corona in einer Wirtschaftskrise, andererseits ist extrem viel Liquidität im Markt. Gründern spielt das aktuelle Niedrigzinsumfeld in die Karten. Es zwingt Investoren dazu, ihr Geld auch abseits der traditionellen Anlageklassen unterzubringen. Das Risiko, in ein Start-up zu investieren, mag etwas höher sein, aber bringt im Schnitt eventuell mehr Rendite als die klassische Kapitalanlage. Die Zeiten, wo in solide Bundesanleihen mit 6 Prozent Zinsen investiert wurde, sind vorbei. 

 

6. Weniger Opportunitätskosten bei der Mitarbeitersuche

In einer Krise ist die Chance besonders hoch, gute Leute bei anderen Firmen abzuwerben. Bei Banxware stellt Miriam wieder fest, wie viele Leute bereit sind, vom etablierten Unternehmen zum Start-up zu wechseln, um etwas tolles Neues zu erschaffen. In einer Krise, in der sich alte Gewissheiten zerschlagen, können neue Teammitglieder noch besser über das Produkt, über die sichtbare Marktlücke motiviert werden.

 

7. Man sieht direkt, ob das Gründungsteam passt

Als Gründerteam sitzt du am Anfang Tag und Nacht zusammen in deinem Büro. Das Gründerduo von N26 kannte sich vorher schon fünfzehn Jahre lang. So eine solide Vertrauensbasis ist in einer Krise noch mal wichtiger, denn da zeigt sich, wie Menschen unter Stress funktionieren. Wenn ich mir zusätzlich zu den externen Herausforderungen überlegen muss, ob mein Mitgründer und ich am selben Strang ziehen, wird es schwierig.

 

8. Scheitern ist noch weniger schlimm

Zu viele Leute haben Angst davor, mit ihrer Gründungsidee zu scheitern und lassen es dann lieber gleich. Wir aber stellen hundert Mal lieber einen gescheiterten Existenzgründer ein als jemanden mit zehn Jahren Konzernerfahrung. Tech-Firmen brauchen Mitarbeiter, die innovativ und mutig sind. Wer sich in einer Krise traut, etwas Eigenes aufzubauen, bringt die richtige Einstellung mit.


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