Eine Illustration mehrerer verschiedener Frauen, um die Überschrift Women & Finance drum herum.

N26 x Patrizia Laeri – Wie überwinden wir Gender Money Gaps

Was sind Gender Money Gaps und wie können wir sie überwinden? Im Interview mit der Wirtschaftsjournalistin Patrizia Laeri erfährst du mehr.

Lesezeit: 5 Min.

Finanzielle Lücken im Leben von Frauen – oder auch Gender Money Gaps – finden sich in allen Altersgruppen. Doch welche Gaps existieren genau und welche Instrumente gibt es, um sie zu überwinden? Und welche Schritte können Frauen befolgen, um trotz dieser Gaps finanziell unabhängig zu werden. Wir haben darüber mit der Wirtschaftsjournalistin Patrizia Laeri gesprochen, die 2021 das Finanz- und Medienportal elleXX gegründet hat. Im Interview schildert sie, wie sie persönlich Gender Gaps erlebt hat und wie unsere Gesellschaft ihrer Meinung nach bestehende Gender Money Gaps schließen kann. Wir wünschen dir viel Spaß beim Lesen!


elleXX hat sich das Ziel gesetzt, die bestehenden Gender Money Gaps zu schließen. Kannst du uns kurz erklären, was genau diese Gaps sind?

Diese finanziellen Lücken im Leben der Frauen beginnen beim Taschengeld (Gender Pocket Money Gap) – Mädchen erhalten weniger und später Taschengeld – ziehen sich über den Lohn (Gender Pay Gap) bis hin zum bitteren Ende des finanziellen Lebens der Frauen, zur Rentenlücke (Gender Pension Gap). Die beträgt in der EU mehr als 40 Prozent. Altersarmut ist weiblich!

Es ist erwiesen, dass diese Gaps sich kumulieren und teilweise gar gegenseitig verstärken. Wir haben auf elleXX.com insgesamt neun dieser Money Gaps ausfindig gemacht und analysiert. Das sind globale Phänomene. Wir beschreiben diese aber nicht nur, wir haben uns auch zum Ziel gesetzt, diese Lücken zu schließen und Frauen zu bereichern. Zusammen mit unseren Kooperationspartnerinnen bieten wir Lösungen und wollen das Investieren neu definieren – und zwar nachhaltig, frauenfreundlich, fair und langfristig. Unsere Investmentphilosophie hat sowohl die finanzielle Rendite als auch Gleichstellung und Diversity zum Ziel. Close the Gaps! heißt deshalb auch unser Wahlspruch.

Wie sind diese Gaps überhaupt entstanden?

Autsch, das tut mir jedes Mal noch weh, wenn ich daran denke. In der Schweiz haben Frauen erst seit 35 Jahren das Recht, ohne Unterschrift ihres Ehemannes ein Konto zu eröffnen! Das ist erst eine Generation. Wie soll man so je gelernt haben, mit Geld umzugehen und zu investieren. 56 Prozent der Frauen in der Schweiz können sich finanziell nicht selbst über Wasser halten. Aber der GenderWealthGap ist natürlich kein rein schweizerisches Phänomen. Er ist global gesehen riesig. Die finanzielle Abhängigkeit hält Frauen auf der ganzen Welt klein und auf. Die Systeme zementieren ihn, seien es die Vorsorge- und Steuersysteme, aber auch die Privatwirtschaft mit GenderPayGaps. Es beginnt damit, dass Eltern mit Söhnen anders über Geld sprechen als mit Töchtern – natürlich unbewusst.

Wird deiner Meinung nach schon genug getan, diese Gaps zu schließen?

Nein, der GenderPayGap hält sich hartnäckig. Die Daten zu den Gaps werden teilweise nicht einmal erhoben. Beim Gender Property Gap beispielsweise. Wie viel Land und Immobilien besitzen Männer im Vergleich zu Frauen? Einzelne Arbeiten weisen global auf ein riesiges Missverhältnis hin. Aber es sind kaum Daten vorhanden. Wir müssten viel mehr tun: Fix the system, not the women.

Erlebst du diese Gaps auch in deinem persönlichen Leben und wenn ja, wie?

Ich habe Lohndiskriminierung erlebt, und zwar um einen unglaublichen Faktor fünf. Ich musste die gleiche Arbeit, für die mein männlicher Kollege fünf Tage Zeit erhielt, an einem Tag erledigen. Ich habe in Gesprächen versucht, darauf hinzuweisen, fand aber kein Gehör. Ich hätte es eskalieren müssen. Vor dieser Konfrontation habe ich mich gescheut. Ich galt sowieso schon als forsch und fürchtete immer ein wenig um meinen Job. Ich musste – wie viele Frauen – erst lernen, für mich und meine Arbeit einzustehen. Auch heute noch verkaufe ich mich tendenziell immer noch unter meinem Wert. Genau deshalb bieten wir MitgliederInnen auch Checklisten für Geld- und Lohnverhandlungen.

Was sind deiner Meinung nach erste Schritte, die jede Frau tun kann, um trotz dieser Gaps finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen?

Vorsorge und Rechtsschutz. Wir haben ein geniales Vorsorgeprodukt in der Schweiz. Es verbindet Steuervorteile mit dem Investieren. Dieses Vorsorgeprodukt und eine Rechtsschutzversicherung gehören für mich genauso zum Grundpaket für die finanzielle Gesundheit wie der Gang zur Gynäkologin für die körperliche Gesundheit. Frauen sollen sich wehren können. Sie sind mit so vielen arbeitsrechtlichen Herausforderungen konfrontiert: Mobbing, Lohndiskriminierung, Sexismus, Mutterschutz. Das kann so schnell ins Geld gehen. Eine Anwältin kostet 400 € die Stunde, eine Rechtsschutzversicherung ist so viel günstiger. In Deutschland und Österreich gibt es keine staatlich geförderten privaten Vorsorgeprodukte. Da würde ich als ersten Schritt in breit gestreute, nachhaltige ETFs, also börsengehandelte Indexfonds, investieren. Und zwar gestaffelt über die Zeit.

Glaubst du, dass in 50 Jahren diese Gaps verschwunden sein könnten? Was müsste bis dahin getan werden?

Don’t fix the women, fix the system! Wir zeigen auf ellexx.com, wie diese Gender Money Gaps (es sind ganze 9!) zustandekommen und wie wir sie schließen können. Mit gesellschaftlichem Wandel, Aufklärung allein ist das aber nicht zu schaffen. Wir benötigen einen Systemwandel. Ich setze große Hoffnung auf das Gender-Budgeting – also wenn Steuergelder geschlechtergerecht verteilt werden. Aber nicht nur die Ausgabeseite, sondern auch die Kostenseite, die Beschaffung, muss an Diversity-Faktoren geknüpft sein. Beispielsweise den Frauenanteil. Die Lieferanten hätten dann sehr schnell auch mehr besser bezahlte Frauen auf Top-Ebene.

Einen besonders großen Impact auf die Gaps hätten aber unsere Rentenmilliarden. Es wird immer über den Konsum gesprochen. Dabei hätten wir so viel mehr Wirkung mit dem Investieren, und zwar über die Rentengelder. Laut einer Studie von Aviva und WWF könnten wir 21-mal mehr bewirken, wenn wir unser Rentengeld nachhaltig investieren würden, als wenn wir auf Flüge und Autos verzichten und uns vegan ernähren. Beim Rentengeld, dort liegt der große Hebel, da liegen die Milliarden. Was wäre, wenn diese Milliarden nur noch nachhaltig und frauenfreundlich investiert würden? Wenn nur noch Geld in nachhaltig wirtschaftende Unternehmen, die chancengleiche Arbeitsplätze bieten, fließen würde?

Was können deiner Meinung nach (Challenger-) Banken wie wir besser machen, um zu helfen, dass diese Gaps in Zukunft geschlossen werden?

Mit uns zusammenarbeiten und frauenfreundlichere Finanzprodukte und -lösungen entwickeln. Wir haben die Community, ihr habt die Technologie – zusammen finden wir Lösungen. Wir glauben an Ecosystem-Innovation, das ist nicht so eine Worthülse. Die besten Lösungen entstehen, wenn man sich zusammenschließt.


Disclaimer: Von den Autorinnen erwähnte Aktien, ETFs und Fonds sind immer mit Risiken behaftet. Alle Texte sowie die Hinweise und Informationen stellen keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Finanzinstrumenten dar. Sie dienen lediglich der persönlichen Information sowie der Wissensbildung und geben ausschließlich die Meinung der Autorinnen wieder. Es wird auch keine Empfehlung für eine bestimmte Anlagestrategie abgegeben. Eine Haftung für die Richtigkeit kann nicht übernommen werden. Sollten die LeserInnen sich die angebotenen Inhalte zu eigen machen oder etwaige Überlegungen oder Hinweise umsetzen, so handeln sie auf eigenes Risiko.

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